Ein neuer Dorfteil entsteht beim Lorze-Areal

Adrian Gasser zeigt, wie der künftige Spazierweg vom Bahnhof um den Weiher zum neu entstehenden Dorfteil geführt werden soll (Fotos: sr)

Adrian Gasser, Eigentümer der Lorze/Loba-Gruppe, im Gespräch über die vergangene und künftige Entwicklung des ehemaligen Bühler-Spinnereiareals in Kollbrunn.

1989 kaufte die 1853 gegründete Lorze AG unter anderem die Spinnerei Ed. Bühler AG in Kollbrunn. Wegen des im gleichen Jahr entdeckten Messingkäferbefalls wurde die Produktion stillgelegt. Nach einer umfangreichen Modernisierung 1991, mit neuesten Maschinen und einer Investition von 35 Millionen Franken, wurde sie aber wiederaufgenommen. Schliesslich wurde die Spinnerei 1994 während eines Arbeitskonflikts definitiv geschlossen.

Der raschen Verschiebung der Textilindustrie in Billiglohnländer nach Asien war in der Schweiz nichts entgegenzuhalten. So musste Adrian Gasser auch andere Textilproduktionsbetriebe unter dem Dach der Lorze AG in der Schweiz schliessen und deren Immobilien umnutzen. Im Gespräch mit Gasser war zu erfahren, dass er diese Entwicklung bald als Chance sah, mitzuwirken, um das Tösstal, einstiges Armenhaus des Kantons Zürich, nachhaltig in ein blühendes Wohn-, Gewerbe- und Naherholungsgebiet zu partizipieren, wie es auch der jüngst verabschiedete Richtplan der Region weiterhin vorsieht.

In der über 150-jährigen Geschichte waren die Besitztümer im Tösstal auf eine Handvoll Textildynastien verteilt. Durch den Niedergang der Baumwollindustrie in unserem Tal entstand die Chance zur Diversifizierung und bot vielen Dienstleistungs- und Handwerksbetrieben die Chance, in den stillgelegten Industriebrachen und ehemaligen Besitztümern Fuss zu fassen, um den nötigen Ausgleich von Wohn- und Gewerberaum im Tösstaler Siedlungsgebiet herzustellen. Dazu Gasser: «Die Lorze AG hat wesentlich zur positiven Entwicklung und somit zum wirtschaftlichen Erfolg des Tösstals beigetragen. Die Bevölkerungszunahme und den beginnenden Bauboom beobachteten wir genau. Den Bedürfnissen entsprechend haben wir seit langen Jahren Möglichkeiten für entsprechenden Raum geboten, was auch mit sehr hohen Investitionen verbunden war und ist. Früh erkannten wir auch, dass sich die Lage des Areals für eine Zone für den Einkauf von Gütern des täglichen Bedarfs, als Begegnungsort und für Dienstleistungsanbieter, Gewerbe- und Wohnraum bestens eignet, da in Kollbrunn ein eigentlicher Dorfkern fehlt.»

Künftige Entwicklung des ehemaligen Spinnereiareals

Gasser erklärt das etappenweise Vorgehen auf den verbleibendem mehr als 30’000 Quadratmeter grossen Areal der ehemaligen Textilfabrik an der Tösstalstrasse 23 in Kollbrunn. Die anderen Liegenschaften und Ländereien im Tösstal habe die Lorze AG alle veräussert und somit weitere Chancen für Expansionen geschaffen, wie zum Beispiel den Platz für die Erweiterung der Schulanlage in Kollbrunn. Das Areal umfasst den Altbau, der ab 1830 etappenweise gebaut wurde und vor 20 Jahren eine Totalrenovation erfuhr, um danach als Büroräume und an stilles Gewerbe vermietet werden zu können.

Das historische Gebäude hatte einst im 6000 Quadratmeter grossen Weiher jeden Tropfen Wasser aus dem Töbelibach und dem Kanal gesammelt und mit riemenbetriebener Wasserkraftübertragung mittels Treibriemen die Maschinen gespiesen. Ab beginnendem 20. Jahrhundert hielt die Elektrifizierung Einzug und die Spinnereien Kollbrunn und Sennhof wurden ab da mit erneuerbarer Energie versorgt. Auch dieses Kraftwerk wurde inzwischen komplett renoviert und wird von der AXPO betrieben. Die dazugehörige Villa werde ebenfalls komplett renoviert. Deshalb habe die Lorze AG extra befristete Mietverträge gemacht und nicht wie gemunkelt wurde, die Mieter schamlos hinausgeworfen, stellt Gasser klar. Es entstünden vier schöne Wohnungen und auch der dazu gehörige Garten werde unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Aspekte hergerichtet.

Schöner Spazierweg um den Weiher geplant

Der mit der Errichtung der Spinnerei entstandene und zum Betrieb gehörende Weiher liegt Gasser speziell am Herzen. So habe er sich für Massnahmen gegen die Verlandung des ehemals sechs Meter tiefen Weihers eingesetzt. Er habe sogar den Kanal durch den Weiher strömen lassen, um die Sedimentablagerungen in diesem zu stoppen und langsam abzubauen. Der dichte Schilfgürtel war auch Stein des Anstosses zwischen Denkmalpflege und Naturschutz. Auch Gasser wünscht sich mehr Biodiversität, das heisst eine grössere Pflanzen- und Tiervielfalt im und um das geschichtsträchtige Gewässer.

Nun soll es einen schönen Spazierweg vom Bahnhof via Töbelistrasse zum Areal um den Weiher geben. Vielleicht sogar mit Brücke und Stegen und der Weiher soll in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt werden. Das Shedgebäude mit den typischen schrägen Dächern und der Neubau, der 1983 an den Shedbau angebaut wurde, befinden sich westlich des Altbaus. Während den letzten 20 Jahren versuchte die Lorze AG für den Shedbau eine Abbruchgenehmigung zu erhalten.

Dass Altbau, Villa und Weiher unter Denkmalschutz gestellt wurden, findet Gassers Unterstützung. Der Shedbau verdecke jedoch die Sicht auf das dahinterliegende wunderschöne, alte Fabrikgebäude und sei nicht schützenswert. Zudem lässt sich eine sinnvolle Nutzung im Sinne eines Begegnungszentrums nicht realisieren, wenn dieser Bau erhalten werden müsste. Gasser sagt dazu: «Das gesamte Areal wird gesamterneuert ohne die denkmalpflegerischen Interessen einzuschränken, im Gegenteil, um sie zu mehren.» Nun liege endlich die Abbruchgenehmigung für den Shed vor und der Weg sei frei für eine sinnvolle und grosszügige Planung und die zum Teil schon erfolgten Realisierung der nächsten Etappen. Durch den Abriss entstehe ein 2000 Quadratmeter grosser Platz, der bewusst unbebaut belassen werde, um eine Begegnungsstätte mit Sicht auf den Altbau und Zugang zum Weiher zu haben.

Moderne Lofts, Begegnungsort und viel Gewerbefläche

Im Altbau sei der Einbau von 27 Lofts, alle mit separatem Eingang und Liftzugänglichkeit, geplant und die Baubewilligung werde in den nächsten Tagen erwartet. Da die Lorze AG allen bestehenden Mietern weiterhin geeigneten Raum zur Verfügung stellen will, muss als nächstes zuerst der Umbau des 1983 erstellten und rund 15’000 Quadratmeter Nutzfläche grossen Fabrikgebäudes nach Mass und Bedürfnissen erfolgen, damit die Mieter vom Altbau ins Obergeschoss umziehen können. Von der Westseite her sollen 250 Parkplätze und ein breiter Zugang für einen Durchgang, vorbei an vielseitigen, belebten Angeboten zum durch den Abbruch des Shedbaus entstehenden grossen Platz führen. Das entsprechende Baugesuch sollte noch dieses Jahr erfolgen.

Im grossen neueren Fabrikgebäude, das nur für Gewerbe genutzt werden wird, wurde das Untergeschoss bereits umgebaut und die ersten Mieter seien umgezogen. Nun müssten als nächstes das Erdgeschoss und das Obergeschoss ausgebaut und bezugsbereit sein, damit die Mieter vom Altbau dahin umziehen könnten. Im Erdgeschoss sei Fläche für Güter des täglichen Bedarfes geplant, wie auch eine Bäckerei mit einem Café und Bistro. Im Obergeschoss sollte Raum für Dienstleistungen und stilles Gewerbe entstehen. Erst danach könne der Ausbau der Lofts beginnen. Es bestehe grosses Interesse für die Gewerberäume und Verkaufsflächen, erwähnt Gasser im Gespräch.

Ebenso war von ihm zu erfahren, dass die Lorze AG neben einem Hotel-Bauprojekt in Langenthal, einem Präzisionsmechanikbetrieb in Biel und einer wesentlichen Beteiligung an der Firma Reishauer, ähnliche Konzepte in Baar, Bürglen, Schwanden und Roggwil bei Bern habe. Doch Kollbrunn werde prioritär behandelt und soll in den nächsten Jahren ganz realisiert werden. Die vollumfängliche Finanzierung, die Gasser insgesamt auf 30 bis 50 Millionen Franken schätzt, könne die Lorze AG nach heutigem Stand selber aufbringen. Auf Nachfrage bestätigt Gasser ein gutes Einvernehmen mit der Gemeinde und den Behörden. Die Rea- lisierung dürfte ganz gewiss eine weitere grosse Aufwertung für das Tösstal bedeuten.

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Ehemaliges Spinnereiareal: Villa, Altbau, Shedbau und neueres ehemaliges Fabrikgebäude (von rechts)