Sie leben im «Zürcher Blinddarm»

Bruno Grünig und Sohn Dustin sind ein Drittel der Einwohner im Weiler Rengerswil im Turbenthaler Pirg (Foto: abs)

Leben an der Grenze: Im Pirg, der Hügelzone der Gemeinde Turbenthal, sind Kantons- und Gemeindegrenzen verwirrend. Dies gilt auch für den Weiler Rengerswil, der aktuell von sechs Personen bewohnt wird.

Blinddarm des Kantons Zürich. So nenne man hier oben den östlichsten Teil der Gemeinde Turbenthal, weiss Willi Ronner. Diese scherzhafte Bezeichnung kommt nicht von ungefähr, denn ein Gebiet der Gemeinde Turbenthal, und damit des Kantons Zürich, ragt als schmaler, aber langer Zipfel in den Kanton Thurgau hinein. Willi Ronner wohnt im Hof Ober Speck und ist damit so etwas wie ein Nachbar der Familie Grünig, die in dritter Generation den Hof Rengerswil bewirtschaftet. Der Begriff Nachbar trifft mindestens visuell zu, die beiden Höfe liegen im gegenseitigen Blickfeld. Aber dazwischen gibt es ein Tobel, und der Weg von Hof zu Hof nimmt fahrend oder gehend vergleichsweise viel Zeit in Anspruch.

Rengerswil ist Teil der Politischen Gemeinde Turbenthal, die zuständige Kirchgemeinde ist Sitzberg. Die Post aber wird von Bichelsee aus zugestellt, also aus dem Kanton Thurgau. Das könne ab und an zu Missverständnissen führen, erklärt Bruno Grünig. Der 54-Jährige übernahm anfangs der 90er-Jahre den Landwirtschaftsbetrieb in Rengerswil von seinem Vater.

Nur schon seine Erfahrungen während der Schulzeit zeigen auf, wie kompliziert es an einem solchen Ort zugehen kann. «Die 1. Klasse besuchte ich im Schulhaus Steig in der Gemeinde Bichelsee.» Diese Schule wurde dann aber geschlossen, und Grünig absolvierte den Rest der Primarschule in Schmidrüti. Für die Oberstufe musste er den weiten Weg nach Turbenthal zurücklegen. Von seinen beiden älteren Schwestern ging eine in Bichelsee zur Schule, die andere in Wila.

Dank Breitenlandenberg

Der Hof Rengerswil bestand laut Turbenthaler Chronik bereits in fränkischer Zeit (5. bis 9. Jahrhundert). Dass er der Grafschaft Kyburg und nicht dem Thurgau zugeschlagen wurde, verdankt er dem Umstand, dass er 1425 noch zur Grafschaft Breitenlandenberg gehörte. Um etwa 1600 wurde der Hof geteilt, und es entstand der «Wohnplatz» Schürli. Rengerswil wechselte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder die Besitzer. Als erstaunlich wird in der Chronik vermerkt, dass im kaum 30 Hektaren grossen Rengerswiler Zipfel Mitte des 19. Jahrhunderts 93 Personen ihr Heimatrecht besassen.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert siedelten sich viele Berner im Tösstal und den angrenzenden Gebieten an. Namen wie etwa Bieri, Burri oder Lauener zeugen davon. In Rengerswil hiessen sie Feuz und Grünig. Derzeit leben Bruno Grünig, sein Sohn Dustin und zwei seiner Geschwister im Turbenthaler Weiler. Daneben ein zugezogenes Ehepaar, welches das Anwesen des vor einigen Jahren verstorbenen Fritz Feuz bewohnt.

Die sonderbare Konstellation von Rengerswil kann durchaus zu skurrilen Situationen führen. So habe er schon die Aufforderung zur Fahrzeuginspektion aus dem Kanton Thurgau erhalten, obwohl er im Kanton Zürich wohne. Dustin Grünig erzählt: «Ich bestand die Traktorenprüfung in Winterthur, den Ausweis erhielt ich aber aus Frauenfeld.» Es sei auch schon vorgekommen, dass er zwei Steuererklärungen – eine aus Bichelsee, eine aus Turbenthal – erhalten habe, schmunzelt Bruno Grünig. Einen positiven Nebeneffekt kann er dennoch nennen: Er profitiere von den tieferen Krankenkassenprämien des Kantons Thurgau.

Eher im Hinterthurgau

Den Strom liefern die Elektrizitätswerke des Kantons Thurgau, das Wasser kommt aber aus dem Tösstal, vom Pumpwerk Au-Saland. Bruno Grünig besorgt im Auftrag der Gemeinde Turbenthal die Schneeräumung der Strassen im Pirg, auch auf Thurgauer Boden. «Mindestens bis zum Grenzstein Nummer 13», wirft Willi Ronner grinsend ein. Der findet auch das Setzen von Schneezeichen amüsant: «Drei Gemeinden aus zwei Kantonen stellen diese Pfähle auf. Das sind auch drei verschiedene Meinungen.» Zwischen Sitzberg und Rengerswil liegt die Thurgauer Enklave Bärlischwand. Deren Bewohner Hans Feuz leistet in der Gemeinde Bichelsee Feuerwehrdienst. Die übrigen Bewohner im Pirg sind dagegen Angehörige der Feuerwehr Turbenthal-Wila-Wildberg; auch jene, die im Thurgau wohnen. Übrigens: Willi Ronner erlebt das Gegenteil von Grünig. Sein Hof Ober Speck liegt in der Gemeinde Fischingen, die Postadresse lautet aber auf Schmidrüti; die Post wird also vom Tösstal aus zugestellt.

Grundsätzlich seien sie im Ausgang eher im Hinterthurgau anzutreffen als im Tösstal, erklären Vater und Sohn Grünig übereinstimmend. Aber einmal im Jahr bevölkert sich der abgelegene Hof mit Leuten aus beiden Regionen. Jeweils am Bettagswochenende lädt die Familie Grünig zur Metzgete ein. Und die mundet Zürchern ebenso wie Thurgauern.